IMG_7973 (1)

1. Mai Rede von Mia Gujer

1.Mai Rede – Mia Gujer, Präsidentin JUSO Aargau

Lenzburg 2016

Liebe Genossinnen und Genossen

Vor knapp 6 Jahren entdeckte ich auf dem nach Hause Weg von der Schule, ein Plakat auf dem ein weisses Schaf ein Schwarzes Schaf über die Grenze einer Schweizerfahne rauskickte. Dieses Bild beschäftigte mich den ganzen Heimweg heim und beim Abendessen fragte ich dann meinen Vater was dies genau bedeuten sollte. Er Erklärte mir dass es hier um die Ausschaffungsinitiative geht, darum Ausländerinnen und Ausländer ohne Rücksicht auf ihr persönliches Umfeld der Schweiz zu verweisen. Darum Menschen aufgrund ihrer Herkunft zu benachteiligen. Ich wusste nicht ob ich mehr schockiert oder empört sein sollte. Bislang kannte ich eine solche Denkweise nur aus dem Geschichtsunterricht in der Schule, dann als wir und mit dem 2. Weltkrieg und den Nationalsozialismus beschäftigten. Ihr könnt euch vorstellen wie es mir ging als ich genau diese Plakate vor 2 Monaten in Lenzburg am Bahnhof wieder sichtete.

Ja, die SVP ist dreist, sie ist rassistisch und selbstverliebt, die SVP politisiert. Und eigentlich sollte ich ihr nicht noch mehr Plattform bieten in dem ich sie zum Thema

in meiner Rede mache. Doch gibt es momentan keinen Weg an ihnen vorbei. Bei den letzten Nationalratswahlen hatten sie einen Stimmenanteil von knapp 40%, ihre Durchsetzungsinitiative spaltete die Schweiz und stellte Ausländer_innen an den Pranger, sie zerstört nach und nach unser Bildungswesen und steckt sich nebenbei noch Millionen Franken in die eigenen Taschen. Es wäre dumm diese Gefahr nicht zu sehen, es wäre dumm sie zu ignorieren.

Die SVP schafft es auf komplizierte Fragen einfache Antworten zu finden. Perfekt selbstinszeniert führt sie die Schuldigen vor. Asylanten, Muslime, MigrantInnen, AusländerInnen. Töchter, Söhne, Mütter, Väter, Onkel, Tanten, Kinder, Menschen. Die Bevölkerung scheint dies bereitwillig anzunehmen. Die Hoffnung auf eine konstruktive, lösungsorientierte Diskussion scheint unmöglich.

Vor drei Wochen war ich auf der Strasse Unterschriften sammeln für unsere Millionärssteuerinitiative. Da bei keine der umherlaufenden Passant_innen dem typischen Beuteschema entsprachen, warf ich meine Sammelvorurteile über Bord und sprach den erstbesten Herrn in meiner Nähe an. „So en linke Schiissdreck unterstütz ich sicher ned!“ kam schnell zurück. Als logische Reaktion rief ich ihm hinterher, ob er es denn gutheisse dass er mit seinen Steuern die Millionäre im Kanton Aargau mitfinanziere. „Ja, natürlich ned! Aber es spielt eh kei Rolle, egal wie viel ich schaff, ich muess es eh grad wieder abdrucke!“ Die oben in Bern würden eh viel zu viel verdienen und sich sowieso nicht um das einfache Volk scheren, er darf den ganzen Tag „bügle“ während die Chefetage das ganze Geld in die eigene Tasche steckt. „Aber genau das isch doch s problem! Mir läbe inere Gsellschaft wo die Arme immer ärmer und die Riche immer richet werdet.“ Platze es aus mir heraus. Ansätze dies zu ändern werden von der Bürgerlichen Mehrheit im Parlament schnell wieder begraben. Nach einer kurzen Diskussion stimmte er mir schlussendlich zu. Er, der überzeugte SVP-Wähler, wollte im Endeffekt dasselbe wie ich, die naive Linke auf der Strasse.

Aus diesem Gespräch ging ich nicht nur mit einer Unterschrift mehr raus, sondern mit einer Bestätigung. Der Bestätigung, dass wir genau diese Menschen mit unserer Politik abholen müssen, dass es möglich ist. Ja, sogar dass wir das können. Wir müssen wieder die logische Wahl für die Arbeitnehmenden werden und uns nicht durch verlockende Mitte – Links Koalitionen in Verführung bringen lassen. Wir müssen wieder Politik betreiben ohne Kompromisse gegenüber unserer Ideologie eingehen zu müssen. Wir müssen unsere Visionen von einer fairen, sozialen und gerechten Welt auf die Strasse tragen und überall wo sie sonst gehört wird und nicht nur in den Hinterzimmern diskutieren. Wir müssen uns als linke outen. Denn es liegt an uns die Gesellschaft zu ändern, sie wird es nämlich leider Gottes nicht selber tun.

Liebe Genossinnen und Genossen, das ist harte Arbeit. Arbeit, die viel zu oft keinen Erfolg verspricht, Arbeit, bei der man beschimpft, ignoriert oder belächelt wird, Arbeit an Tagen in denen man lieber im Bett liegen bleiben würde, den Einkauf erledigen oder mal die Wohnung putzen sollte.

Doch wieso sich überhaupt engagieren wenn eh alles umsonst scheint? Weil wir Empört sind.

Empört über die Umstände in denen Menschen leben müssen, das Frauen bei einem Bewerbungsgespräch auf die Frage ob sie denn planen schwanger zu werden verneinen müssen, aus angst sonst nicht angestellt zu werden, bei einer Stelle bei der sie sowieso schon 20% weniger verdient aufgrund ihres Geschlechts. Weil wir verstehen, dass wenn gewinnorientierte Bonzen Waffen in Kriegsgebiete liefern, traumatisierte Kinder und Menschen sich auf einen lebensgefährlichen Weg machen müssen um wieder Sicherheit verspüren zu können. Weil Menschen tagtäglich wegen ihrer Herkunft, Glauben oder wenn und wie sie lieben von der Gesellschaft verurteilt werden, weil wir empört sind was in diesem Land und über seine Grenzen heraus vor sich geht. Weil Abbaupakete nicht dafür da sind dem Kanton aus der finanziellen Misere zu helfen, sondern nur um Unternehmen und Vermögende zu bevorteilen.

Ich will nicht Politik gegen die SVP betreiben, ich will Politik für Menschen betreiben.

Ich will, dass wir Forderungen stellen und nicht immer aus der Defensive betreiben.

Packen wir also gemeinsam bei den kommenden Grossratswahlen an und machen wir den Kanton Aargau ein kleines Stück besser.

Venceremos!

 

 

Kommentare sind geschlossen.