(Familien)armut, vernachlässigt und omnipräsent

Armut ist in der Schweiz ein viel zu wenig diskutiertes Tabu. Noch viel zu oft gilt für viele Menschen der bürgerliche Mythos, dass hier niemand arm sein müsse. Akteur_innen aus Wirtschaft und Politik lassen immer wieder glauben, dass für alle Menschen gleiche Chancen gelten. Doch dem ist nicht so. Im Jahr 2014 lebten in der Schweiz laut dem Bundesamt für Statistik 513’00 Personen unter der Armutsgrenze. (Diese wird von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe definiert.) Weitet man dies auf armutsgefährdete Menschen aus, die weniger als 60% des Medianlohns verdienen, findet sich auf jede achte Person ein Mensch, der von Armut bedroht ist.

Es ist also klar, dass die Realität viel düsterer aussieht, als das gängig ausgemalte Bild zu illustrieren versucht. Es gibt viele Gründe, warum Menschen von Armut bedroht sein können. Bis vor einigen Jahren stand der Faktor „Alter“ zuoberst auf der Liste. Durch lindernde Ergänzungsleistungen wurde er abgelöst durch die Familie. In Zahlen: Jedes sechste Kind ist in der Schweiz armutsgefährdet, jedes 20. direkt davon betroffen. 16’000 Kinder haben durch ihre prekäre Situation keinen Zugang zu einer warmen Mahlzeit – dies in einem der reichsten Länder des Planeten!

Armut besitzt viele dunklen Gesichter: Menschen leiden gesundheitlich – Arztbesuche sind zu teuer, ganz abgesehen von zahnmedizinischen Behandlungen. Man wird sozial ausgegrenzt, da finanzielle Not soziale Kontakte erschwert, sei dies aufgrund der Erwerbstätigkeit oder weil man sich den Zugang zu Kultur nicht mehr leisten kann. Auch die Erfolgschancen im Beruf sind gering – Weiterbildung bleibt ein teures Privileg.

Bei Kindern sind diese Folgen besonders verheerend. Wer in prekären Verhältnissen aufwächst, hat ein höheres Risiko, später selbst Sozialhilfe beziehen zu müssen und in der Armutsfalle stecken zu bleiben. Eine tiefere Ausbildung erschwert es, im Beruf erfolgreich zu sein. Die Entwicklung wird erschwert durch schlechte Gesundheitsversorgung, Ausgrenzung etc. Gezielte Hilfe ermöglicht, Menschen nachhaltig aus der Armut zu befreien.

Leider ist Armut selbst in linken Kreisen zu selten ein Thema. Die Armutsfalle ist ein zerstörerischer Teufelskreis – ihre Bekämpfung verlangt eine breite politische Diskussion, sowie drastische Massnahmen. Die Initiative „Chancen für Kinder – zusammen gegen die Familienarmut“ der SP Aargau schlägt hierbei genau diese Richtung ein. Sie bringt die Problematik auf den Tisch und löst zugleich auch konkrete Probleme. Ähnlich wie bei Ergänzungsleistungen erhalten Familien automatisch und Einkommensabhängig finanzielle Hilfe. Davon profitieren zum Beispiel alleinerziehende Eltern, welche weniger Lohn zur Verfügung haben. Folgen des Bildungsabbaus und fehlenden Betreuungsstrukturen können zumindest für die ärmsten Familien gelindert werden. Selbst Familien, die eigentlich Anspruch auf Sozialhilfe hätten, diese aber nicht beziehen, würden automatisch unterstützt.

Der politische und soziale Kampf für mehr Verteilungsgerechtigkeit geht weiter. Natürlich sind noch mehr Massnahmen nötig, um Armut nachhaltig aus der Gesellschaft zu vertreiben, doch ist die Annahme der Initiative, welche am 12. Februar zur Abstimmung kommt, ein wesentlicher Schritt, um den am von der kapitalistischen Wirtschaftsordnung am meisten bedrohten Menschen, zu helfen.

Kommentare sind geschlossen.